Filmreihe: 100 Jahre Oktoberrevolution

Eine Filmreihe im Universum Filmtheater vom 1. Oktober bis 26. November 2017

"Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte"
(Karl Marx)

Mit einer vierteiligen Filmreihe erinnern wir an die Oktoberrevolution, die sich 2017 zum 100. Mal jährt. Sie war für das 20. Jahrhundert "ein ebenso zentrales Ereignis, wie es die Französische Revolution von 1789 für das 19. Jahrhundert gewesen war", eine neue Weltordnung löste eine Welt ab, die ganz offensichtlich zum Untergang verdammt gewesen war (Eric Hobsbawm). Die von den kommunistischen Bolschewiki angeführte gesellschaftliche Umwälzung brachte – zumindest für einen kurzen Zeitraum bis ca. 1929 - eine neue Ästhetik in den Künsten hervor, die auch die Filmsprache revolutionierte.

Für die radikale Erneuerung des Medium Films stehen stellvertretend Sergej Eisenstein (1898 – 1948) und Dziga Wertow (1896 – 1954). Die Meisterwerke PANZERKREUZER POTEMKIN und DER MANN MIT DER KAMERA sind bekannter, wir möchten aber die Gelegenheit bieten, drei selten aufgeführte Klassiker zu erleben, darunter ein Film mit Live-Musik im Kinosaal. Einen Blick aus Künstlerperspektive auf die Ereignisse von 1917 wagt die Filmemacherin Katrin Rothe in ihrem schön gestalteten, aktuellen Animationsfilm 1917 - DER WAHRE OKTOBER.


OKTOBER (OKTJABR)

So, 1.10., 19:00

Regie: Sergej Michailowitsch Eisenstein, SU 1928, 116 Min.
Kamera: Eduard Tissé, deutsche Zwischentitel: Egon Erwin Kisch, Musik: Edmund Meisel, mit Nikolaj Popov (Kerenskij), Vasilij Nikandrov (Lenin) u.a.

Eisensteins Film sollte den zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution feiern und wurde ein Meisterwerk der Montage. Monatelang drehte der 29-jährige Eisenstein im Winterpalais, kommandierte ein Heer von 10.000 Statisten. "Es heißt, dass mehr Menschen während der Dreharbeiten verletzt wurden als während des tatsächlichen Sturms auf den Winterpalast am 7. November 1917" (Hobsbawm). Der Film kam nicht rechtzeitig in die Kinos, weil Eisenstein Szenen mit Trotzki entfernen musste. Teile des Films tauchten in Wochenschauen auf: Sie wurden für Dokumentaraufnahmen gehalten.

Bis heue begeistern die Bildideen und die ironischen und satirischen Elemente des Revolutionsfilms. Statt eines Monumentalschinkens dreht Eisenstein seinen wildesten, intellektuellsten, experimentellsten, barockesten, kühnsten Film. "Montage ist also Konflikt. Wie der Konflikt die Grundlage jeder Kunst überhaupt ist." (Eistenstein)

Das Universum Filmtheater zeigt den Stummfilmklassiker von 1928 in restaurierter Fassung mit der rekonstruierten und der sensationellen  Musik von Edmund Meisel.

Poster + Fotografien: (C) Edition Filmmuseum/Filmmuseum München.


STREIK (STATSCHKA)

So, 15.10., 19:00 – zum European Cinema Art Day.

Regie: Sergej Eisenstein, SU 1925, ca. 90 Min.
Montage/ Buch: Sergej Eisenstein, Grigori Alexandrow, Kamera: Eduard Tissé, Musik: Ramis Gainulin, mit: Wasili Nikandrow, Boris Liwanow, Nikolaj Popow u.a.

Eisensteins erster Kinofilm spielt im Jahr 1912 im zaristischen Russland. Die Demütigungen der Arbeiter durch geringe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen entladen sich in einem erbitterten Streik. Die Arbeiter haben keine Gewerkschaft, aber sie sind organisiert und verfügen über eine Druckmaschine. Ihr Streik wird mit allen Mitteln bekämpft: durch Spitzel, Provokateure und am Ende durch Soldaten.

Schon in diesem Film (gedreht ein Jahr vor PANZERKREUZER POTEMKIN) erscheinen alle Stilelemente, die Eisenstein zu einem epochalen Filmemacher werden ließen. So etwa die "Montage der Attraktionen", die den Zuschauer politisch agitieren soll. So wird z.B. in die Szene der Erschießung von Arbeitern durch zaristische Soldaten die Schlachtung von Rindern hineingeschnitten. Aber auch die Dynamik der Bilder und die dramatischen Kameraperspektiven machen STREIK zu einem der atemberaubendsten Stummfilme.

"In STREIK haben wir es mit dem ersten Beispiel revolutionärer Kunst zu tun, bei dem sich die Form revolutionärer als ihr Inhalt erwies." (Eisenstein)

Quelle Fotografien: Deutsche Kinemathek. Rechteinhaber: Unbekannt.


1917 - DER WAHRE OKTOBER

Mo, 23.10., 19 Uhr + So, 29.10., 11:15

Regie: Katrin Rothe, D/ CH 2017, 90 Min., o.A.
Buch: Katrin Rothe, Musik: Thomas Mävers, Montage: Silke Botsch, Storyboard: Caroline Hamann, mit den Stimmen von Hanns Zischler, Claudia Michelsen u.a.

Was geschah in Sankt Petersburg, damals Petrograd, in der Zeit zwischen den Aufständen im Februar, die den Zaren zur Abdankung zwangen, und der Machtübernahme der Bolschewiki im Oktober? In dieser Phase der Provisorischen Regierung, einer Doppelherrschaft des Parlaments Duma sowie den Arbeiter- und Soldatenräten, den Sowjets, versank Russland in Chaos und Anarchie. Mitten im fortdauernden Weltkrieg verblieb es ohne verbindliche Verfassung. Woran lag es, dass keine bürgerlich-parlamentarische Demokratie gebildet wurde? Wie veränderte die Rückkehr Lenins und Trotzkis die Lage im Frühjahr?

1917 – DER WAHRE OKTOBER ist eine filmkünstlerische Neuerzählung der Russischen Revolution. Basierend auf Recherchen in teils bisher unbekanntem Quellenmaterial, in Tagebüchern, Berichten und literarischen Werken ihrer Trickfilm-Protagonisten - Künstler wie Maxim Gorki, Wladimir Majakowski und Kasimir Malewitsch - unternimmt die zweifache Grimme-Preisträgerin Katrin Rothe eine multiperspektivische Befragung. Ein Novum: die Russische Revolution aus der Sicht beteiligter Künstler.


EIN SECHSTEL DER ERDE

So, 26.11., 20:00

Regie: Dziga Wertow, SU 1926, 75 Min., Chefkameramann: M. Kaufman
Mit Live-Musik von WE STOOD LIKE KINGS, Brüssel

"Ein Sechstel der Erde" - das ist die euphorische Botschaft der Sowjetrevolution im Jahr 1926, der DzigaVertov - ästhetisch nicht weniger bahnbrechend - ein filmisches Manifest schuf. Er schickte Kameraleute, sog. "Kinoki", als Filmkorrespondenten bis in die entlegensten Gebiete der Sowjetunion, um den Wandel und die eingelösten Versprechen des Umsturzes zu dokumentieren. Dabei geht es ihm nicht um eine nüchterne Dokumentation, sondern um euphorisch-appellative Bilder von der Stärke, der Modernität und der Integrationskraft des Revolutionsgedankens. Kompositorisch und stilistisch wurde der in 6 Kapitel gegliederte Film unmittelbar von der Dichtung Majakowskisbeeinflußt.

"Dieser Film hat – eigentlich – keine 'Zuschauer' innerhalb der Grenzen der UdSSR, da alle Werktätigen der UdSSR (130 – 140 Millionen) nicht Zuschauer, sondern Teilnehmer dieses Films sind. Die Idee dieses Films und sein gesamter Aufbau lösen jetzt praktisch die außerordentlich schwierige theoretische Frage, wie die Grenze zwischen Zuschauer und Film aufgehoben werden kann."

"Nieder mit der Inszenierung des Alltags: filmt uns unversehens und so, wie wir sind!" (DzigaWertov)

Die Postrocker von We Stood Like Kings folgen mit ihrem Score dem sich steigernden Wirbel der Entdeckungen an den Rändern der UdSSR und werden die Filmvorführung im Universum mit einer Live-Vertonung begleiten.