Geschichte des Kinos

Vom "Metro" zum "Universum"

"Tausend rote Rosen blühn" im westdeutschen Nachkriegskino, auch in Braunschweig (Programmheft 1952)

Das Universum-Kino blickt mittlerweile auf eine mehr als ein halbes Jahrhundert umfassende Geschichte zurück. Sie nahm im Sommer 1953 in der Neuen Straße 8 gegenüber dem damaligen Hertie-Gebäude ihren Anfang.

Die Bauarbeiten

Am 22. Juni 1953 begannen die Schacht- und Fundamentarbeiten für Braunschweigs dreizehntes Lichtspielhaus. Bauherr des Metro-Filmtheaters, nach den Entwürfen des Diplom-Ingenieurs und Architekten Wilhelm Schulte, war die Kommandit-Gesellschaft der Metro-Lichtspiele. Das vierstöckige Gebäude sollte in den unteren Stockwerken das Kino beherbergen; in den oberen wurden Wohnungen für die Angestellten bereitgestellt.

Als Eröffnungstermin des Metro-Filmtheaters war der 1. Oktober 1953 geplant. Verschiedene und unerwartete Probleme verzögerten jedoch die Bauarbeiten. Zusätzlich zu einem erhöhten Grundwasserspiegel und einem bröckelnden Bürgersteig drohten auch die benachbarten Häuser abzusacken und mussten gesichert werden. Das Kino wurde schließlich auf einer grundwasserabgedichteten Betonwanne im Stahlbetonskelett-Verfahren errichtet.

Außenansicht und Innenausstattung

Das Metro-Filmtheater um 1953 (Foto: Schulte)

Eine weitläufige Fensterfront im ersten Stock des Metro-Filmtheaters nahm einen großen Teil der überwiegend in weiß gehaltenen Fassade des Neubaus ein. Der Eingangsbereich des Kinos wurde von drei Säulen sowie mehreren mit Filmwerbung versehenen Schaufenstern geschmückt. Durch breite Glastüren auf beiden Seiten des Gebäudes erreichte das Publikum zwei Treppenaufgänge, über die es zum im ersten Stock gelegenen Foyer gelangte.

Auch hier war weiß die dominierende Farbe; ganz im Gegensatz zum Inneren des 10 m hohen Kinosaals, dessen Paradiesdecke mit Sternen besetzt war. Braune und gelbe Töne bestimmten die anfänglich in grünen, grauen und roten Farben entworfene Einrichtung im Kinoinnern.

Der 14 m breite und 25 m lange Zuschauerraum war trompetenförmig mit schräg auf die Leinwand zuführenden Seitenwänden errichtet. Einer besseren Akustik wegen wurden die Seitenwände mit Wattepolstern versehen. Eine geschwungene Holztäfelung verkleidete ferner ihre Unterhälfte, während die obere Hälfte mit zitronengelbem Neusamt bezogen war.

Braunschweiger Nachrichten zur Eröffnung 1953, mit Innenansicht des Kinosaals

Die Sitzreihen im Parkett liefen trichterförmig auf die Leinwand zu, die von einem grünen Vorhang verdeckt wurde. Ebenfalls hellgrün waren die Rückenlehnen der schwarz polierten Holzsessel. Der Abstand zwischen den einzelnen Sitzreihen war größer als gemeinhin in Lichtspielhäusern üblich. Eine weitere Neuheit des Metro-Filmtheaters war, dass die Sitze vorn zur Leinwand hin wieder leicht anstiegen, um den Zuschauern in den vorderen Reihen eine bessere Sicht zu ermöglichen. Insgesamt konnten 550 Besucher im Parterre Platz nehmen. Der in einer schiefen Ebene nach unten abfallende Rang besaß weitere 237 Sitze.

Die Technik

Unterhalb des Balkons, zwischen Rang und Parkett, befand sich der mit drei modernen Vorführapparaturen ausgestattete Vorführraum. Zum technischen Equipment gehörten unter anderem zwei Ernemann-10-Projektoren, die auf den plastischen 3-D-Film ausgerichtet waren.

Da die Kinoleinwand auf die volle Stirnwandausdehnung verbreitert werden konnte, war somit auch die technische Voraussetzung für die Vorführung von Panoramafilmen gegeben. Zudem waren die Projektionswand sowie der Raum durch seine Trompetenform so beschaffen, dass die Leinwand ähnlich einem Schalltrichter Ton und Bild in den Kinosaal aussandte. Um den Filmgenuss nicht durch schlechte Luft im Kinosaal zu verderben, besaß der Zuschauerraum eine moderne Be- und Entlüftungsanlage, die durch Entlüftungsschächte an der Decke für Frischluft sorgte.

Die Eröffnung

Zeichnung aus der Eröffnungsanzeige, 30.10.1953, Künstler: n.n.

Vier Monate nach Baubeginn feierte das Metro-Filmtheater am 29. Oktober 1953 mit einer Gästevorstellung seine Einweihung. Zu den Geladenen zählten unter anderem Vertreter fast aller Verleihfirmen, darunter Paramount, Universal, RKO und Ufa. Um halb neun eröffneten drei Gongschläge die Vorstellung.

Als Eröffnungsfilm zeigte das Metro-Filmtheater in norddeutscher Erstaufführung den Film Liebeserwachen mit Winnie Markus, Ingrid Andree und Willy Eichberger in den Hauptrollen. Die Constantin-Produktion Liebeserwachen hatte sich in der engeren Auswahl gegen Der Bäcker von Valorgue durchgesetzt. Der Fernandel-Film wurde letztlich in das Kinoprogramm der folgenden Woche aufgenommen. Einen Tag nach der Einweihungsfeier öffnete das Metro-Filmtheater schließlich für das breite Publikum seine Pforten.

Die ersten Jahre

Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" (1955), Original Filmheft mit Metro-Stempel

Der Schwerpunkt des Metro-Filmtheaters bei der Filmauswahl lag in den Anfangsjahren vor allem auf dem anspruchsvollen Unterhaltungsfilm, darunter viele deutsche Produktionen. Das Kino bot sich aufgrund seiner Bauart und seiner Sitzplatzanzahl vor allem für Erstaufführungen an.

Eine spezielle Zielgruppe wurde vom Metro-Filmtheater nicht angesprochen; das Lichtspielhaus setzte wegen seiner Lage 'im Herzen Braunschweigs', wie die Braunschweiger Nachrichten schrieben, hauptsächlich auf Laufpublikum. Trotzdem gab es auch Sondervorstellungen für spezielle Interessentenkreise, beispielsweise Jugendliche. Diese Filmvorführungen fanden vor allem sonntagmorgens um elf Uhr als Matinee statt.

Anzeige "Bezauberndes Fräulein" mit Starbesuch

Im Jahr seiner Eröffnung begrüßte das Kino mit Georg Thomalla und Herta Staal auch seine ersten prominenten Gäste. Am 25. Dezember wohnten die beiden Schauspieler der Welt-Uraufführung ihres Films Bezauberndes Fräulein im Metro-Filmtheater bei.

Zu den weiteren bekannten Besuchern gehörten auch O. E. Hasse und Barbara Rütting sowie Hildegard Knef und Christine Kaufmann. Doch nicht nur Stars und Sternchen waren im Metro-Filmtheater zu Gast: Anlässlich der Premiere des Films Martin Luther am 30. April 1954 hielt der Landesbischof Martin Erdmann eine Ansprache vor dem Metro-Publikum.

Im Jahr 1957 musste der Metro-Filmpalast nach einem Schreiben der amerikanischen MGM (Metro-Goldwyn-Mayer), einer Filmproduktions- und Filmverleihgesellschaft, umbenannt werden. Ab dem 3. September 1957 firmierte das ehemalige Metro-Filmtheater nun unter dem Namen Universum.

Das Universum

Universum-Anzeige nach dem Umbau, 1977

In den 60er Jahren verpachtete Wilhelm Schulte das Universum zunächst an die UFA, später dann an "Kinokönig" Hans-Joachim Flebbe.

Ende der Siebziger Jahre wurde das Kino für mehrere Monate geschlossen, das Universum wurde wie viele andere Kinos in dieser Zeit verschachtelt. Nach viermonatiger Umbauphase nahm das Universum am 30. September 1977 nun mit drei - unterschiedlich benannten - Kinosälen seinen Spielbetrieb wieder auf (der Saal "Royal" wurde allerdings erst vierzehn Tage später eröffnet).

Mit 400 Sitzplätzen besaß der Saal "Universum" weiterhin den größten Zuschauerraum, der Saal "Royal" umfasste 130 und die "Kamera" 111 Sitzplätze. Eine Besonderheit der drei Kinos war, dass sie von nur zwei Vorführräumen bespielt wurden.

Ende 2005 wurde aufgrund von baurechtlichen Auflagen zunächst der kleinste Saal des Universums geschlossen: es fehlte eine Entrauchung. Ein halbes Jahr später kam dann das endgültige Aus. Am 30. Juni 2006 fiel der Vorhang auch für die verbliebenen zwei Säle, und das Kino wurde vollständig demontiert.

Das Capitol in den 50ern (Foto: Schulte)

Damit wurden seit 1993 insgesamt neun Braunschweiger Traditionskinos geschlossen. Ihre Namen seien hier für die Chronik noch einmal genannt: Schloßtheater, Scala, Broadway, Gloria, Hansa, Capitol, Lupe, Universum und City. Fast alle waren auch Spielstätten für das 1986 gegründete filmfest Braunschweig gewesen.

Mit dem neuen Universum steht dem Festival im November 2009 dieser Spielort wieder zur Verfügung: eine Rückeroberung für die Braunschweiger Filmkultur.

Text: Julia Noth, Volker Kufahl. Für einen Teil der Fotos dieser Seite bedanken wir uns bei Frau Schulte, Frau Dragon und Herrn Ehni.